"Abend der Begegnung" 12. Dezember 2015
Egal, wer Du bist, egal welche Religion, Rasse, Kaste oder Geschlecht. Egal wo Du wohnst oder herkommst: Jeder von uns hat das Recht, in Freiheit, Würde und Frieden zu leben!
 
 

Im Rahmen der vierten Echzeller Glühweihnnacht hatte die Flüchtlingshilfe Echzell die Bevölkerung zu einem "Abend der Begegnung" in die Evangelische Kirche eingeladen. Die wochenlangen Vorbereitungen zu diesem Abend wurden in der Form gewürdigt, dass über 250 Menschen ihr Interesse bekundeten und den Weg in die Kirche fanden. Nach einer kurzen Adventsmeditation mit Ralf Schäfer an der Orgel begrüßte Christa Degkwitz die Anwesenden und erläuterte den Ablauf des Abends.

Sie leitete über zu Wolfgang Lang, der Bilder aus den Heimatländern der in Echzell lebenden Flüchtlinge an die Wand projezierte. Diese Präsentation wunderschöner Landschaftsbilder wurde von Ralf Schäfer und Michael Möbs mit dem Lied "What a wonderful World" untermalt.

Nach viel Applaus machte sich Claudia Lang Gedanken zum Thema "Sprache". Für jeden Menschen ist zunächst einmal die Muttersprache die erste, die man erlernt und über die man kommuniziert. Die bei uns in der Regel gesprochenen Sprachen wie z.B. Englisch, Französisch und Italienisch sind uns vom Klang her vertraut. Die Sprachen der Flüchtlinge kennen wir nicht. Aus diesem Grund hatte Claudia das Kinderbuch "Schlaf gut, kleiner Wolf" herausgesucht, das von ihr in Deutsch, von Gidey aus Eritrea in Tigrinja, von Sakina und Zahed aus Afghanistan in Dari und Paschtu sowie von Farhad aus Syrien in Arabisch vorgelesen wurde. Elvira aus Peru, die seit langem in Bingenheim wohnt, ergänzte das Vorlesen auf Spanisch.

Ein meist gehörter Satz in diesen Tagen zum Thema Flüchtlinge und Migranten ist: " Die sollen doch erstmal richtig Deutsch lernen" ! Da steckt viel Wahres drin: Sprache und der Spracherwerb ist der wichtigste Baustein zu einer gelingenden Integration in eine neue Kultur. Aber was genau steckt dahinter, was bedeutet das? Für jeden Menschen ist seine Muttersprache d i e Sprache, die er zuerst in seinem Leben hört und erlernt, die ihm vertraut ist , wo er sich wohl fühlt und die für ihn Heimat bedeutet. Es ist ein erstes Sprachgerüst, das ein Kind im Kopf hat, wenn es aufwächst. Erst wenn es das richtig beherrscht, kann es ein zweites fremdes Sprachgerüst, eine neue zweite Sprache quasi draufsetzen und richtig erlernen. Kommen Kinder nun aus anderen Ländern zu uns , erleben sie in Kiga und Schulen eine Welt, wo n u r Deutsch gesprochen wird. Dadurch empfinden die Kinder ihre Muttersprache , die zuhause in der Familie gesprochen, als abgewertet, als nicht so wichtig. Nötig ist es also, ihre Muttersprachen in den Alltag der Kinder zu holen und sie dadurch aufzuwerten und wertzuschätzen. Die Kinder erfahren auf diesem Weg auch eine klare Differenzierung zwischen ihrer Sprache und dem Deutschen.

Mit dem Lied: "Jubelklang, Wüstensand" sang Michael Möbs, unterstützt von Ralf Schäfer an der Orgel, darauf folgend ein Lied über den Libanon.

Nach Mercedes Rossmanniths Gedanken zur Deutschen Sprache und zum "Ansehen" erhoben sich die Flüchtlinge einzeln von ihren Plätzen und stellten sich in kurzen Sätzen vor. Wie sie heißen, wo sie herkommen, wie lange sie auf der Flucht waren und was sie sich vom Leben wünschen. Jedes dieser in Deutsch gesprochenen Statements wurde mit viel Applaus der Zuhörer belohnt. Besonders emotional wurde es als Idris (9 Jahre alt) und Fakisa (7 Jahre alt) von sich erzählten. Die beiden gehen auf die Echzeller Grundschule und sind in ihren Klassen sehr beliebt und integriert. Im Anschluß bat Anne Simone Möbus-Lorenz die Besucher darum, sich auch selbst vorzustellen, was von vielen auch getan wurde. Interessant war, dass die Eltern vieler Echzeller Bürger selbst Flüchtlinge waren und hier eine neue Heimat gefunden haben. Michael Möbs sang danach von der Empore: "Du bist mein Zufluchtsort".

Die Deutsche Sprache hat „Begriffe die vielseitig verwendet werden: Zum Beispiel der Begriff „Ansehen“: - Man wird angesehen - Man ist angesehen - Jemand genießt Ansehen – oder eben nicht … Das bedeutet: durch diese eine Geste, eben eine Person wohlwollend ansehen, oder nicht wohlwollend ansehen, gewinnt eine Person ein „Ansehen“ oder „kein Ansehen“ Ein Mensch, der gut angesehen ist hat in der Gesellschaft einen „guten Stand“ – Ein Mensch von und mit „gutem Stand“ genießt Achtung und Respekt. In achten und Achtung stecken auch die Worte „beobachten“ und Achtsamkeit. Mit dem „Beobachten“ sind wir wieder bei etwas ähnlichem wie dem „ansehen“ gelandet. Und doch ist „beobachten“ ein wenig anders als das bloße „ansehen“. Man gibt beim Beobachten auch Acht. Beim „achtgeben“ ist man auch wieder bei der „Achtsamkeit“. Ein liebevolles, wohlwollendes und respektvolles „beobachten“ hat auch Freude daran wie sich etwas oder jemand entwickelt und schafft auch – falls notwendig – die Möglichkeiten dafür. Ein liebevoller, wohlwollender und respektvoller „Beobachter“ ist auch „achtsam“, gibt acht. Auf all diese Gedanken bin ich vor einiger Zeit durch ein Gespräch mit einer Künstlerin gekommen, die den Auftrag hatte ein Christus-Antlitz zu malen. Sie hat sich mit „dem Blick“ und dem wohlwollenden angesehen werden beschäftigt und kam zu dem Schluss, dass dieses „angesehen werden“ heilend wirkt, einen heilenden Aspekt hat. Und das ist etwas, das kann jeder von uns tun und bewirken, lediglich mit dem bloßen, wohlwollenden, interessierten ansehen und beobachten. Lassen Sie uns unsere neuen Mitbürger und Mitmenschen in solcher Weise ansehen und beobachten – es ist der erste Schritt zu einer Heilung (auf beiden Seiten!) und zu gelingender Integration. Ich danke Ihnen. Vor dem Hintergrund solcher Gedanken, und dem der Begegnung, haben wir unsere neuen Mitbürger gefragt ob sie sich uns vorstellen mögen – einige haben den Mut – vielleicht haben auch einige von uns den Mut sich ebenfalls vorzustellen.

Nach dieser Vorstellung begab sich Matthias Jacob aus Bingenheim an das Klavier und sang das Lied "Imagine" bevor diverse Gedichte aus den Ländern der Flüchtlinge vorgelesen wurden. Gitta Seckel aus Bingenheim übersetzte diese dann auf Deutsch. Mit dem Lied "Dona nobis pacem" und der Übergabe eines Friedenslichtes für jeden Besucher der Veranstaltung endete nach über zwei Stunden der "Abend der Begegnung", der die Echzeller und die Flüchtlinge wieder ein Stück mehr zusammengebracht hat. Am Ende ließen sich Flüchtlinge und Helfer zusammen ablichten und dankten gemeinsam der "Grätsche" für die Spende.

Vielen Dank an alle Echzeller für das Interesse und die Teilnahme an dieser schönen und emotionalen Veranstaltung. Es läuft in Echzell.

 
Ihr seid willkommen! - Irgendwann zuhause in Echzell?
Ralf Schäfer an der Orgel
Ein Teil der Flüchtlingshelfer stellt sich vor
Michael Möbs: "What a wonderful world"
Beeindruckende Bilder
"Schlaf gut, kleiner Wolf" in sechs Sprachen
Bilder unterstützten die Vorlesung
"Du bist mein Zufluchtsort"
Wir stellen uns vor
Anne Simone bittet auch die Anwesenden, sich vorzustellen
Matthias Jacob: "Imagine"
Dona nobis pacem
Einfach nur Menschen. Toll.
Friedenslichter beim Verlassen der Kirche
Gruppenbild und "Danke"!
 
Text und Bilder: Thomas Wettig
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