"Der Käptn geht von Bord"

Georg Renner übergibt nach 33 Jahren den

Vorsitz des Heimat- und Geschichtsvereins
17. März 2015
 
Georg Renner
 

Sich durch lange Texte beißen, auch wenn sie zwischendurch wenig spannend erscheinen, um nicht zu sagen, staubtrocken wirken, das war und ist Georg Renners Sache. Wer so viel davon liest, für den müssen die Texte alles andere als »staubtrocken« sein. Als Steuerbeamter mit Leib und Seele wurde das Steuerrecht schnell nicht nur zu seinem Beruf, sondern auch zu einem seiner Hobbys. Sodass er schon bald auf eine regelrechte Sechs-Tage-Arbeitswoche blicken konnte, in der er fünf Tage im Finanzamt arbeitete und an Samstagen Fortbildungen und Seminare leitete. Als Gastdozent war an der Landesfinanzschule Rotenburg an der Fulda gern gesehen sowie an der Bundesfinanzakademie in Brühl. Seinen wohlverdienten Ruhestand im Alter von 65 Jahren empfand er als »Zwangspensionierung«, erzählt er heute lachend. Wer sich so viele Jahrzehnte so tief in eine Materie eingearbeitet hat, der kann nicht von heute auf morgen aufhören. So nahm er bereits in der Woche nach seiner Pensionierung eine Teilzeitstelle in einer renommierten Frankfurter Steuerkanzlei an, der er noch heute, mit 77 Jahren, mit Freude nachgeht.

Ebenso hartnackig muss man alte Texte und Unterlagen durchforsten, will man Geschichtliches entdecken. Davor steht allerdings historisches Grundwissen, dass man sich wiederum anlesen muss. Hier lag schon immer das zweite Hobby von Georg Renner. Die europäische Geschichte von der Antike bis heute interessiert ihn und speziell die deutsche Geschichte und hier die heimatliche Historie in Wetterau und Echzell. Dass man bei den Recherchen vielleicht nicht immer wusste, welche Erkenntnis am Ende eines Textstudiums auf einen wartete, mag der Kontrast zu Gesetzestexten gewesen sein. Sein theoretisches geschichtliches Wissen ergänzte Renner jedenfalls mit über zwanzig Studienreisen durch ganz Europa. Bei Besuchen in Frankreich oder Polen stand auch die jüngste gemeinsame Geschichte im Interesse des Hobbyhistorikers.

Auf seinen Reisen begleitete ihn stets seine Ehefrau Ursula. Ohne ihre Unterstützung wäre ein solches Engagement in Beruf und Hobby nicht möglich gewesen, gibt er zu. Gemeinsam haben die Renners zwei Söhne, mit denen öfter Wanderurlaube anstanden, statt weiterer Studienreisen. Einmal im Jahr laden Georg und Ursula Renner ihre Kinder und deren Familien noch heute zu einem gemeinsamen Urlaub ein. Meistens auch ein Wanderurlaub, bei dem die Zeit füreinander aber im Mittelpunkt steht.

Mit seinem mittlerweile fundierten Wissen, nach Jahrzehnten der privaten Weiterbildung, konnte Georg Renner auch schon einen kleinen Irrtum aufdecken. Der Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, zu dessen bekanntesten Gemälden das Werk »Goethe in der Campagna« gehört, hatte seine Wurzeln in Bingenheim. Eine seiner Großmütter stammte von dort. In Tischbeins Geburtshaus in Haina ist ein kleines Museum eingerichtet, das einen Stammbaum der Künstlerfamilie zeigte. Hier war als Wohnort der Großmutter fälschlich »Bingen am Rhein« angegeben. Renner machte die örtlichen Historiker auf den Fehler aufmerksam und schickte ihnen die passenden Belege zu. Die Ahnentafel konnte daraufhin berichtigt werden. Dieses Erlebnis brachte den Echzeller auf die Idee, einen Aufsatz zu schreiben, zum Maler Tischbein und Goethe. Denn einige Vorfahren des großen Dichters stammen ebenfalls aus Echzell.

Veröffentlicht wurde der Aufsatz schließlich im 13. und damit jüngsten Band der Echzeller Geschichtshefte, die vom Heimat- und Geschichtsverein herausgegeben werden. Diesen hat Georg Renner mitgegründet und zeichnet als dessen Vorsitzender seit 33 Jahren für ihn verantwortlich. Aus dem Vorstand der ersten Stunde ist heute neben Renner nur noch der Schatzmeister Helmut Noll im Amt. Jedes Erscheinen eines neuen Bandes der Geschichtshefte bezeichnet Renner als einen Höhepunkt im Vereinsleben. Nachdem im Vorfeld der 1200-Jahrfeier im Jahre 1982 ein geschichtlicher Arbeitskreis entstanden war, um die Feierlichkeiten vorzubereiten und ein Buch zum Fest herauszugeben, entwickelte sich daraus im Jahr darauf der Heimat- und Geschichtsverein. 1986 bezog der Verein sein Domizil in der »Alten Apotheke« in der Lindenstraße und ein Jahr später wurde in der ehemaligen Zehntscheune das Echzeller Museum eröffnet, dass für seine Funde aus der Römerzeit weit über die Grenzen Echzells bekannt ist. Das Gebäude muss instand gehalten werden, es wurde erweitert und teilweise modernisiert in den letzten Jahrzehnten. Doch ist die Modernisierung der Ausstellungsräume noch nicht abgeschlossen, wird aber fortgesetzt, auch wenn Renner nun sein Amt niederlegt, da ist sich der scheidende Vorsitzende sicher. Denn Vorstand und Verein arbeiteten ganz hervorragend, sodass es weitergehen werde. Außerdem bliebe auch Georg Renner dem Verein natürlich erhalten, seine bekannten Führungen durch das Museum bleiben weiterhin im Angebot des Vereins. Nur in Sachen Vorstand will er jetzt ein bisschen kürzer treten. Es sei nie eine Belastung für ihn gewesen, versichert er, aber nach über drei Jahrzehnten, im Alter von 77 Jahren darf man über das Aufhören nachdenken. Mit Dr. Jochen Degkwitz als seinen Nachfolger an der Spitze des Vereins, weiß er das Aushängeschild Echzells in besten Händen.

Bevor sich Georg Renner nach dem Gespräch seiner Lektüre über Karl den Großen widmet, bemerkt er noch, dass man eigentlich die Protokolle der Bingenheimer Hexenprozesse für die Allgemeinheit aufbereiten müsse. Nein, so wirklich aufhören will der Historiker noch nicht.

 
Text und Bild: Marc Stephan